„Ein Ort der Stille“

Herr Gooetz Ein ort der Stille

Interview mit  Herrn Goetz am  10.06.2018

Wiesbaden-Nordfriedhof: Herr Goetz,  Sie haben uns ja erzählt, dass Sie ein spezielles Grab hier in Wiesbaden besuchen. Vielleicht möchten Sie uns  ja zum Anfang einfach ein bisschen was zu dem Grab erzählen, das Sie auf dem Nordfriedhof besuchen?

Herr Goetz: Ja wie gesagt,  ich bin eigentlich südlich von Freiburg groß geworden. Meine Mutter ist meine Adoptivmutter, und die ist hier in Wiesbaden aufgewachsen. Nach Ihrem Studium ist sie dann als Lehrerin nach Baden-Württemberg.  Mich hat sie im Alter von 4 ½  adoptiert.
 Ich wusste von Ihren Erzählungen her, dass sie halt in Wiesbaden groß geworden ist, hauptsächlich im Hotel Oranien, und sie hat immer von Carl Schuricht geschwärmt, der dort auch gewohnt hat. Sie hat dann ja den Kriegsdienst mitgemacht und alles, sie war ja dort so  20 – 22 Jahre alt.
Sie ist jetzt übrigens 97, lebt noch alleine, fährt noch Auto.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Oh….

Herr Goetz: Ja, Ja, also sie hat einen ganz schweren Unfall vor Weihnachten  gehabt, und da dachte ich schon: „ Oh je!“…  also Hüftgelenk gebrochen und so weiter, aber sie ist jetzt wieder topfit, und es geht ihr anscheinend wieder gut.  
Irgendwann ist dann meine Tante gestorben – die war auch über 90 – und die wurde halt hier auf dem Nordfriedhof beerdigt. Und so bin ich dann eigentlich erst zu dem Grab gekommen. Es war von der Familie nur noch ein  ganz kleiner Kreis übrig,  – außer sie und ich jetzt.
Irgendwann haben wir halt darüber gesprochen, und dann habe ich gesagt: „Ja, du ich wohne ja nicht so weit weg, ich kann ja das Grab pflegen. Da braucht man nicht die Gärtnerei zu bezahlen, das kann ich ja dann machen.“
 Ja und so bin ich halt zu dem Grab gekommen. Ich habe dann erst mal angefangen aufzuräumen, weil das war halt doch auch schon stark verwittert mit  viel Efeu, und man hat eigentlich von dem Grab  nicht mehr so viel gesehen. Dann habe ich halt mal alles weggemacht und habe es ein bisschen bepflanzt, ein paar Figürchen aufgestellt  und so weiter…. So komme ich halt dazu.
Ich versuche halt relativ regelmäßig hier her zu kommen, weil mir der Friedhof und so auch sehr gut gefällt.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Sie sagten ja, dass Sie dann gerne noch auf dem Friedhof spazieren gehen, dass Sie die Zeit auch nutzen, wenn Sie hier sind.

Herr Goetz: Ja richtig.

 Wiesbaden-Nordfriedhof: Gibt es auf dem Nordfriedhof so Orte, die Sie besonders mögen? Oder die sie besonders ansprechen?

Herr Goetz: Jetzt nix Bestimmtes, ich lauf mal so mal so, also das ist ja ein riesengroßes Gelände und von daher…Man entdeckt doch immer irgendwie was Neues,  was man vielleicht noch nicht gesehen hat, weil man den Weg noch nicht eingeschlagen hat. Deswegen, also ich bin jetzt nicht so zielstrebig und sag: „Da will ich noch mal hin“ und „Da möchte ich hin“, aber ja einfach Alles hat seinen Reiz hier.

Wiesbaden-Nordfriedhof:  Gibt es eine Jahreszeit die sie besonders mögen hier?

Herr Goetz: Ja also Winter ist nicht so toll, aber ich war mal im Sommer hier, wo es dann angefangen hat zu gewittern, mit dem Regen.. das war natürlich Wahnsinn!
Herbst ist natürlich auch was sehr Schönes, wenn dann die Laubbäume bunt werden und so, aber der Friedhof gefällt mir eigentlich unabhängig davon.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Und nehmen Sie den Friedhof – also den Nordfriedhof speziell  – auch als einen Landschaftspark wahr?

Herr Goetz:  Ja, absolut! Absolut! Also es ist so… wenn man hier so durchläuft, vergisst man eigentlich,  dass man auf einem Friedhof ist. Also ich habe auch schon Diskusionen gehabt  mit Leuten, die sagen „Wie? Du gehst auf dem Friedhof spazieren?“ Ja das ist zwar ein Friedhof, aber es ist eigentlich ein Park.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Würden Sie sagen, dass hier auch eine besondere Atmosphäre dann herrscht?

Herr Goetz: Ja, man kann hier abschalten. Auf dem Friedhof ist es sowieso immer ruhig.
Es ist einfach ein Ort der Stille, ich glaube, so habe ich es das auch auf meiner Homepage genannt,  die Fotos : „Ort der Stille“
Man kann seine Gedanken mal gehen lassen oder ganz abschalten und einfach nur aufnehmen, ja die Natur aufnehmen, was sich da bewegt:  die Vögel, Eichhörnchen. Wie gesagt, das ist einfach…ja mal was anderes als joggen zu gehen zum Beispiel.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Besuchen Sie auch andere Friedhöfe? Oder… würden Sie sagen: „ich mag generell Friedhöfe“?

Herr Goetz: Komischerweise nicht. Nein! Ich habe keinen anderen gefunden, wo ich jetzt sagen würde, der wäre jetzt auch schön. Kreuznach soll, glaube ich, auch einen schönen haben. Aber da war ich jetzt noch nie – weil halt da der Bezug fehlt. Weil auf den Friedhof da geht man halt nicht einfach mal so hin –  müsste man vielleicht mal machen. Ich weiß es nicht, aber bisher habe ich das nicht gemacht. Ich habe zwar mal einen Friedhof besucht,  auf dem ich sehr lange nicht war. Aber da ist ein sehr guter Freund von mir dort beerdigt,  der sich selber umgebracht hat.  Ich war da seit zwanzig Jahren nicht gewesen und habe das Grab dann auch auf Anhieb gefunden. Aber das war halt eine andere Situation.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Interessieren Sie sich besonders auch für die historischen Gräber hier – der Nordfriedhof hat ja relativ viele davon.

Herr Goetz: Ja, das ist schon Wahnsinn, wenn man so liest: „Generalfeldmarschall“ und so weiter… Also diese Geschichtsträchtigkeit des Friedhofs die verbinde ich ja wieder mit der von meiner Mutter. Ich habe zwar mal versucht, über die Familie nachzuforschen, aber ich krieg nicht viel raus, obwohl die Familie  ja schon sehr,  sehr lange hier in Wiesbaden gelebt hat.  Irgendein Ur-Ur-Ur-Großvater hat ja den Nassauer Hof irgendwann gekauft und dann eben auch gebaut – groß gemacht. Aber man findet wenig in den Büchern im „Stadt/Staatsarchiv“. Ich habe nur eine Sache rausgefunden über einen Onkel, der sich damals hier in Wiesbaden am Theater beworben hat. Diese Unterlagen habe ich gefunden. Also mit dem Anschreiben und so, das war noch da. Aber ansonsten, muss ich sagen, ist sehr, sehr wenig vorhanden, oder ich suche falsch, das weiß ich nicht. Ich würde gerne noch ein bisschen mehr rausfinden. Ich mag Geschichte sehr gerne, und ich finde halt auch immer wieder erstaunlich, was Leute sich für Gräber haben machen lassen. Also da oben steht ja zum Beispiel eine komplette Kapelle –  also Wahnsinn –  also das ist faszinierend halt auch. Oder dieser riesen Löwe, der da auf der Mauer drauf ist, das sind so Sachen… oder auch die Engel. Also ich fotografiere die halt unheimlich gerne und je nachdem mit dem Licht und mit den Bäumen da kann man schon ganz tolle Fotos machen.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Sind Engel generell so ein Grabschmuck den Sie mögen?

Herr Goetz: Ja, also ich mag Engel generell!  Ja also ich habe auch einiges gezeichnet an Engeln. Irgendwann habe ich angefangen zu zeichnen, und die erste Zeichnung war die Konfirmationskarte von meiner Tochter. Bei meinem Sohn wurde es dann kein Engel, weil ich gedacht habe, das passt nicht ganz so (lacht).. aber ich glaube das habe ich auch ganz gut getroffen.  Ja, das ist einfach.. ja.. hat was!  ..was Mystisches!

Wiesbaden-Nordfriedhof: Was dann auch zu dem Friedhof passt, dieses Mystische?

Herr Goetz: Ja genau. Wo ich auch mal rein so aus Interesse war, war hinten im jüdischen Friedhof. Das ist aber jetzt weniger mein Bereich … ich glaube man muss mit Kopfbedeckung rein und die habe ich halt nicht immer dabei  ( … )

Wiesbaden-Nordfriedhof: Haben Sie auch schon mal für sich überlegt, wie vielleicht Ihr Grab aussehen könnte?

Herr Goetz:  Also ich möchte hier auf jeden Fall ins Familiengrab, das ist für mich eigentlich außerhalb jeder Diskussion.  Wobei ist natürlich … heutzutage macht man sich Gedanken, was machen die Angehörigen? Was ist das für sie für ein Aufwand hierher zu kommen und das Grab zu pflegen. Irgendjemand muss das ja machen.  Wahrscheinlich wird es die Kinder irgendwann was weiß ich wohin verschlagen. Es heißt ja nicht, dass sie hier in der Gegend bleiben.  Darüber muss man halt auch nachdenken … und wäre dann jetzt ein … wie heißen diese: „Friedwald?“.. wäre das nicht was Besseres? So einen Friedwald gibt es ja auch in Waldalgesheim, glaub ich, ist ein Großer ( … ) Weil da ist man halt, ja da hat keiner irgendwie ein schlechtes Gewissen und sagt sich: „Ich muss da hingehen und muss nach dem Grab schauen…“
Aber auf der anderen Seite wäre ich schon ganz gerne hier beerdigt. Aber gut! Hab mich noch nicht entschieden!

Wiesbaden-Nordfriedhof:  Sie haben gesagt, dass Ihnen die älteren Gräber sehr gut gefallen. Wie finden Sie denn die neueren? Sind die für Sie auch interessant, oder nehmen Sie die gar nicht so wahr? Also es gibt ja hier auch  viele Grabanlagen, die eigentlich so aus den 60er – 70er Jahren sind.

Herr Goetz: Ja doch, man schaut schon mal, aber so ein einfaches Grab fällt einem nicht so auf wie jetzt, sagen wir mal der Engel, den wir da vorhin gesehen haben oder eben wie hier hinten oben mehr diese größeren Grabanlagen. Das fällt einem mehr auf.  Aber wie schon gesagt, ich gehe hier quer durch, also wenn ich hier spazieren gehe, dann ist alles möglich, ich habe da keine feste Route.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Noch einmal zurück zu ihrem Familiengrab. Fühlen sie sich an diesem Ort eigentlich mehr mit Ihrer Familie verbunden als an einem anderen Ort? Ist das Grab für Sie ein Ort, wo Sie Ihre Familie besuchen kommen sozusagen, oder ist der Ort eigentlich neutral für Sie?

Herr Goetz: Gut, das große Problem ist ja, ich kenne die Familie eigentlich gar nicht, weil es eben meine Adoptivmutter ist. Ich kenne ja nur eben meine Tante, die gestorben ist und den einen Onkel, der allerdings in Freiburg  beerdigt ist. Den Rest kenne ich nur von Erzählungen.
Da muss ich Ihnen noch was erzählen:  Das allererste Mal, als ich hier war, war ja der Name Goetz und sonst nichts auf dem Grab. Da hat meine Mutter, als die Tante gestorben war eine neue Platte machen lassen. Da steht immer nur das Sterbedatum drauf, was  ich natürlich schade finde, dass immer nur das Sterbejahr draufsteht, also nicht  „von –  bis“  sondern nur das Sterbedatum.
So irgendwie beim Aufräumen von dem Grab – dem Entfernen vom Efeu usw. – habe ich auf einmal hinter dem Grabstein die alte Platte gefunden.  Meine Mutter hat dann erzählt, der Grabstein wäre irgendwann mal umgefallen, und dann hätten sie den neu aufgesetzt. Und dabei hätten sie den dann falschrum hingesetzt, so dass diese Marmorplatte  nach hinten Richtung Mauer gezeigt hat.
Diese Marmorplatte habe ich dann vom Stein abbekommen und habe sie zuerst mit nach Hause genommen. Im Prinzip stehen da dieselben Namen drauf,  wie auf der neuen, die jetzt meine Mutter hat machen lassen. Bis auf den der Tante natürlich, die halt ja nachgekommen ist.
 Was ich halt dabei auch sehr schade finde ist: da ist auch ein Junge beerdigt – der Heinz – und da steht halt auch nur sein Sterbedatum und so merkt man das halt nicht, weil eben immer nur das Sterbejahr dasteht. Das wird so ein bisschen unterdrückt und das finde ich schade.
 Aber.. wie gesagt, ich fühle mich…klar an dem Grab wohl…aber es ist jetzt nicht so, dass ich sagen würde, es ist mehr Anzugspunkt als der Rest vom Friedhof. Ich mache das halt meiner Mutter zu liebe, weil sie kann nicht hierher kommen, das wäre viel zu weit für Sie, und ich habe das übernommen, kümmere mich drum, das ist halt der Hauptgrund.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Wir gehen ja noch einmal gleich dahin denke ich?! Ich wollte Sie noch Fragen, so bei der Pflege  – sie haben ja gesagt, Sie machen das selber und  sie haben jetzt keine Gärtnerei beauftragt – wie sieht das konkret aus? Haben Sie da sozusagen diese Totenuhr, pflanzen Sie nach den Jahreszeiten, haben Sie Lichter zu Totensonntag oder so?

Herr Goetz: Nee also ja, das ist immer schwierig mit dem Totensonntag. Ich habe da mal was aufgestellt, aber das ist dann… manchmal ist es weg, oder es fällt dann um und so regelmäßig bin ich dann leider auch nicht da. Ich war zum Beispiel 2017 fast gar nicht hier, weil es einfach zeitlich nicht ging und weil ich in Reha war. Ich habe im Prinzip halt erst mal Alles rausgerissen, es war ja nicht viel außer Efeu und Unkraut, was darauf gewachsen ist. Dann habe ich halt das bisschen Buchs vorne gepflanzt, der sehr schlecht wächst … und jetzt kommt wahrscheinlich auch noch der Buchsbaumzündler und dann hat sich das Thema eh erledigt. Außerdem bin ich dann einfach hingegangen und habe ein  paar Blumenzwiebeln auch vergraben, wo ich mir sage: „ok, mal Tulpen“ oder mal was anderes, dann einen kleinen Strauch drauf gepflanzt und so weiter. Einfach um mal auch ein bisschen auch was Blühendes zu machen und ansonsten eigentlich nicht viel.
Also nichts was große Pflege braucht oder was regelmäßig gegossen werden muss. Also eher so bunt gemischt, weil, wie gesagt, ich bin halt nicht so regelmäßig hier.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Dann haben wir eigentlich nur noch zwei Fragen, die wir zum Abschluss an Sie stellen möchten. Die Eine wäre: Fehlt Ihnen irgendetwas hier auf dem Nordfriedhof oder würden Sie irgendetwas anders wollen? Und die Zweite: Was würden Sie dem Nordfriedhof für die Zukunft wünschen?

Herr Goetz: Nee, also ich denke, er soll so bleiben, wie er ist. Also es muss nichts geändert werden.  Überhaupt nicht.

Wiesbaden-Nordfriedhof: Sie wünschen sich, dass er so bleibt, wie er ist?

Herr Goetz: Genau!

Wiesbaden-Nordfriedhof: Dann ganz, ganz herzlichen Dank

 

Webseite von Herrn Goetz mit Bildern vom Nordfriedhof: Ort der Stille

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